Solidarische Landwirtschaft ‒ oder was Zwiebeln mit Umweltschutz zu tun haben

Als wir vor 16 Jahren in ein Haus mit Garten gezogen sind, hatte ich beste Vorsätze. Gemüse pflanzen, morgens durch den Garten gehen und ernten, täglich mit frischen Zutaten kochen, backen, einwecken, …

Aber die Realität mit kleinen Kindern und braunem Daumen hat mich schnell eingeholt. Und die Erkenntnis, dass das alles nicht so einfach ist. In einem Jahr hatte ich plötzlich 15 Salate, die alle gleichzeitig erntereif waren. Im Jahr danach haben die Schnecken die Salatpflanzen in einer Nacht so ratzekahl weggefressen, dass ich schon an mir selbst gezweifelt habe, ob ich sie am Vortag überhaupt gepflanzt hatte.

Ich lese ja oft Bücher, die auf englischen Landsitzen in der Vergangenheit spielen. Und träume von einem Gärtner, der sich um alles kümmert und das frische Gemüse in die Küche bringt, wo eine Köchin es in leckere Mahlzeiten und Vorräte für den Winter verwandelt. Leider haben wir weder den Platz noch das Budget für Vollzeit-Hausangestellte.

Zum Glück gibt es hier eine Solidarische Landwirtschaft, die mir genau das liefert, was ich will: saisonales Gemüse, pestizid-frei angebaut in ca. 10 km Entfernung. Und das gute Gefühl, etwas für die Nachhaltigkeit zu tun.

Wie das funktioniert: wir und viele andere zahlen einen festen Betrag pro Monat und erhalten dafür einen Ernteanteil. Grob gesagt 1/60 von allem, was diese Woche geerntet wurde. Im Winter ist das weniger, im Sommer mehr. Ganz natürlich. Die Gärtnerin kann das komplette Jahr planen, hat ein sicheres Einkommen und weiß, dass all das liebevoll gezogene Gemüse tatsächlich in Küchen landet. Ja, sogar die krumme Gurke.

Ganz nebenbei lernen meine Familie und ich, welches Gemüse wann wächst. Wir übernehmen ein bisschen was vom Risiko, wenn es zu wenig regnet und die Ernte kleiner ausfällt. Und sogar das Gefühl der Zucchini-Schwemme, das jeder Hobbygärtner kennt, bleibt. Dafür gibt es Rezeptideen in der wöchentlichen Erntemail und von anderen Ernteteilern in der Signal-Gruppe.

Und vor allem bekommen wir einen Einblick in die Realität der Menschen, die unsere Lebensmittel anbauen. „Meine“ Gärtnerin Vivian Glover hat vor kurzem einen Text zum Thema Zwiebeln geschrieben, den ich hier gerne zitiere:

Viele weiße Zwiebeln

„Nun zu den Zwiebeln: Auf dem Bild seht ihr ganz gewöhnliche. Die Sorte heißt Bajosta und sie lassen sich gut lagern. Ich habe heute davon 9 Kisten voll geerntet, etwa die gleiche Menge ist noch auf einem weiteren Beet. Wir haben sie Ende April als Jungpflanzen bekommen und sie kurz darauf gepflanzt, 2 Beete voll, 3 Reihen pro Beet, 20 cm Abstand zwischen den Erdpresstöpfchen. Vorher haben wir die Beete natürlich vorbereitet, u. a. mit etwa 900 Litern Kompost pro Beet, also 6 vollen, schweren Schubkarren.

In jedem Erdpresstöpfchen hat unser Jungpflanzenerzeuger ungefähr 3 Wochen vorher 8 Samenkörner ausgesät. Zwiebeln entwickeln sich langsam und bedecken mit ihrem Laub (den "Schlotten") nur wenig den Boden, sind also konkurrenzschwach gegenüber Beikraut. Wir haben sie also 4x gehackt, was pro Beet eine gute dreiviertel Stunde dauert. Hacken heißt: wir waren hauptsächlich aufrecht und haben mit der Drahthacke zwischen den Erdpresstöpfchen das Beikraut entfernt. Manchmal muss man sich dabei bücken, um besonders hartnäckiges von Hand rauszuziehen. Mit dazu gehört dann auch das Hacken des Weges neben dem Beet mit der Radhacke, was ganz schön anstrengend ist. Nach dem vierten Hacken hatten wir keine Zeit mehr, sodass das Unkraut für's Hacken zu groß geworden ist.

Irgendwann kommt man auch mit der Hacke nicht mehr zwischen die Zwiebelpflanzen, ohne dass man ständig an den Blättern hängen bleibt und Pflanzen rausreißt. Wir mussten also von Hand jäten. Das macht man auf den Knien oder gebückt und das dauert locker 2 h pro Beet. Das mussten wir dann ein paar Wochen später nochmal machen, weil wieder neue Beikräuter nachgewachsen waren. Nun waren aber die Zwiebeln so groß, dass auf den Wegen kein Platz mehr zum Knien war, also fand das ganze gebückt statt, Zeitaufwand etwa 45 Minuten pro Beet.

Dieses Jahr mussten die Zwiebeln ab Tag 1 bewässert werden, das macht zum Glück drei Mal am Tag für 8 Minuten der Bewässerungscomputer. Der muss aber mindesten einmal pro Woche kontrolliert werden, dass er auch weiterhin richtig funktioniert und die Bewässerungsdauer an die Bodenverhältnisse angepasst werden. Normalerweise ziehen wir die Zwiebeln dann zwei Wochen bevor wir sie ernten wollen aus dem Boden und lassen sie auf dem Beet zum Abtrocknen liegen. Das haben wir uns dieses Jahr gespart und einfach nur die Bewässerung ausgeschaltet ...

Dann nehmen wir jede einzelne Zwiebel in die Hand, reißen das trockene Laub ab und entscheiden, ob sie ins Lager darf oder aussortiert wird, weil sie gammelig ist oder wird. Alles was ins Lager darf, kommt in Kisten und wird nochmal unterm Vordach der Hütte für 1 bis 3 Wochen getrocknet. Dann schütten wir sie in die Lagerkisten um, wobei wir nochmal auf gammelige kontrollieren.

In den Wochen, in denen es dann Zwiebeln in der Ernteausgabe gibt, holen wir die benötigte Menge aus dem Lager und sortieren sie noch ein letztes Mal durch, bevor sie mit euch nach Hause dürfen.

Ganz schön aufwändig, oder? Dafür, dass es "nur" Zwiebeln sind.

Und jetzt fragt ihr euch wahrscheinlich, warum man im Supermarkt so billige Zwiebeln kaufen kann. Die Produktion von ihnen ist natürlich billiger. Gehackt wird nicht, stattdessen werden Herbizide gespritzt. Bewässert wird auch, aber mit großen Regnern, das ist billiger als mit Tropfbewässerung, braucht aber mehr Wasser und die Zwiebeln müssen mit Fungiziden behandelt werden, damit sie nicht krank werden. Gedüngt wird mit chemisch-synthetischen Düngemitteln, die trotz Ukraine-Krieg immer noch günstiger sind als mit Schubkarren ausgebrachter Grüngut-Kompost. Gepflanzt und geerntet werden sie maschinell, was es dabei an menschlicher Arbeitskraft braucht, wird durch Saisonarbeitskräfte geleistet, die oft genug in sklavenartigen Verhältnissen leben und weniger als den Mindestlohn und auch keine Sozialleistungen bekommen.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der Preis im Supermarkt deckt nicht alle Kosten. Und das hat nicht nur mit Mischkalkulation oder Preisdruck-Machenschaften auf die Landwirt*innen zu tun. Der Grund ist, dass Kosten die durch/bei dem Anbau von Zwiebeln (die hier beispielhaft für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse stehen) entstehen, nicht an die Zwiebeln geknüpft werden. Die Produktion von ihnen ist billig – für den*die Landwirt*in.

Uns als Gesellschaft kommt sie teuer zu stehen, aber oft erst Jahre später: wenn das Grundwasser wegen der Düngemittel nitratverseucht ist. Wenn der Grundwasserspiegel wegen der Wasserentnahmen absinkt, wenn der Boden durch Versalzung gestorben ist und kein Wasser mehr aufnehmen kann. Wenn Flüsse deshalb schneller anschwellen und Häuser mit sich reißen. Wenn wegen Verdichtungen durch immer schwerere Maschinen Regen nicht mehr ausreichend versickert und lokale Wasserkreisläufe zusammenbrechen. Wenn es deshalb monatelang nicht mehr regnet und siebenjährige Kinder fragen: "Mama, wenn jetzt kein Regen kommt, müssen wir alle sterben?"

Das nennt man Externalisierung von Kosten.
Unser weltweites Konto ist mittlerweile schwer im Minus.“

 

Wenn dich dieser Text jetzt nicht motiviert hat, in Zukunft deine Zwiebeln selbst anzupflanzen, dann ja vielleicht dazu, dich in deiner Umgebung umzuschauen.
Gibt es eine Solidarische Landwirtschaft, an der du dich beteiligen kannst? Oder einen Bauernhof mit Direktverkauf, wenn du dich nicht langfristig festlegen willst?

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